Du gehst an deinen Pflanzen vorbei, tastest – wie eine guter Pflanzen-Elternteil – die Erde ab und spürst … Trockenheit. Die Heizkörper laufen, die Lippen sind rissig, die Luft fühlt sich an wie in der Wüste, und dein Hirn sagt: „Die müssen durstig sein.“ Also schnappst du dir die Gießkanne und gibst ihnen einen ordentlichen Schluck – mit dem vagen Gefühl, eh das Richtige zu tun.
Eine Woche später schauen die Blätter trauriger aus, nicht glücklicher. Gelb werden sie. Matschige Stängel. Dieser komische Geruch nach nassem Kompost, der nie wirklich austrocknet. Du stellst Töpfe um, schiebst’s aufs fehlende Licht, vielleicht sogar aufs Geschäft, wo du sie gekauft hast. Der Impuls ist: mehr kümmern, öfter. Mehr Wasser.
Und genau da stellt uns der Winter leise eine Falle. Draußen trockene Luft. Drinnen nasse Erde. Eine gefährliche Mischung, die man kaum merkt – bis es zu spät ist.
Warum deine Pflanzen im Winter weniger „trinken“, auch wenn die Luft staubtrocken ist
Geh an einem dunklen Dezembernachmittag durchs Wohnzimmer und schau deine Pflanzen an, als wären’s Menschen an einer Bushaltestelle. Da ist kein Gewusel, keine neuen Blätter, keine zarten Triebe, die sich entfalten. Sie warten. Runtergebremst. Quasi auf Pause.
Deine Geigenfeige, die im Juni Blatt um Blatt rausgehaut hat, steht jetzt einfach nur da. Die Monstera, die sich früher jede Woche Richtung Fenster gestreckt hat, wirkt wie eingefroren mitten in der Bewegung. Das bildest du dir nicht ein: Ihr ganzer Stoffwechsel ist auf die Bremse gegangen – auch wenn die Oberfläche der Erde trocken und staubig ausschaut.
Das Paradoxe: Alles fühlt sich trockener an. Die Luft, deine Haut, die Holzmöbel. Und genau deshalb greifen deine Hände im falschen Moment zur Gießkanne.
Denk an eine typische Wohnung im Winter: Heizung stundenlang an. Fenster (Doppelverglasung) den ganzen Tag zu. Vorhänge früh zugezogen. Das Licht sackt ab, und Pflanzen kriegen vielleicht nur ein Drittel von der Energie, die sie im Juli hatten. Ein Londoner Grower schätzt, dass tropische Zimmerpflanzen ihr Wachstum zwischen Ende Oktober und Februar um bis zu 70 % runterfahren können. Das ist enorm.
Weniger Licht heißt weniger Photosynthese. Weniger Photosynthese heißt weniger Energieverbrauch. Weniger Energieverbrauch heißt: weniger Wasser wird von den Wurzeln in die Blätter gezogen. Die interne „Wasserpumpe“ der Pflanze läuft praktisch im Sparmodus – auch wenn die Luft rundherum knochentrocken ist.
Und jetzt stell dir vor, du gießt so, als wär Sommer. Die Feuchtigkeit kann nirgends schnell hin. Sie bleibt im Topf, liegt wie eine kalte, nasse Decke um die Wurzeln und macht aus der Erde einen klammen Sumpf. Wurzeln, die Luft brauchen, werden erstickt. Pilze feiern Party. Du siehst oben gelbe Blätter und denkst „mehr Wasser“, während das eigentliche Drama leise unten im Topf passiert.
Wir denken beim Gießen oft wie beim Auftanken vom Auto: mehr rein = mehr Power. Pflanzen funktionieren nicht so. Sie sind eher wie jemand, der vom Marathon-Training in den Wintermodus auf der Couch gewechselt hat. Sie brauchen weiterhin Essen und Trinken – aber nicht im gleichen Tempo und nicht auf die gleiche Art.
Im Winter gibt’s drei große Umstellungen: wenig Licht, kühlere Erde und langsameres Wachstum. Allein kühlere Erde verändert alles. Wurzeln in kaltem, nassem Substrat tun sich schwer zu arbeiten – die Wasseraufnahme sinkt sowieso. Die Pflanze sitzt dann mit einem schweren, nassen Topf da und weiß nicht wohin mit der ganzen Feuchtigkeit.
Darum heißt trockene Luft nicht automatisch: durstige Wurzeln. Der oberste Zentimeter kann aussehen wie die Sahara, während das untere Drittel vom Topf noch wie ein Schwamm vollgesogen ist. Für deine Pflanze ist diese Mischung Stress, nicht Komfort.
Wie du im Winter gießt, ohne deine Pflanzen langsam zu ertränken
Die hilfreichste Winter-Gewohnheit ist schmerzhaft simpel: Schau tiefer in die Erde, bevor du überhaupt ans Gießen denkst. Nicht mit einem fancy Gadget. Mit den Fingern. Steck ein oder zwei Finger bis zum zweiten Knöchel ins Substrat.
Fühlt es sich unten kühl und feucht an: weg von der Gießkanne. Ist es in dieser Tiefe trocken: dann ist’s Zeit. Manche mögen auch den „Hebetest“: heb den Topf an – wirkt er überraschend leicht, ist das ein weiteres Zeichen, dass er wirklich Wasser braucht.
Wenn du gießt, dann langsam, bis ein bissl Wasser aus den Abzugslöchern rinnt – und dann das Überschüssige wegschütten. Keine Übertopf-Deko, in der unten Wasser stehen bleibt. Keine Untersetzer, die die Wurzeln die ganze Woche in einer Lacke sitzen lassen.
Die meisten Zimmerpflanzen mögen im Winter: „seltener, dafür g’scheiter“. Viele kommen zwei bis drei Wochen zwischen den Gießrunden aus, manche sogar länger. Sukkulenten und Kakteen? Teilweise ein Monat oder mehr. Ihr ganzer Körper ist ja quasi eine eingebaute Trinkflasche.
Ein hilfreicher Perspektivenwechsel: Nicht nach Kalender gießen, sondern nach Pflanze. Ein Südfenster mit brauchbarem Winterlicht kann heißen, dass eine Pflanze schneller austrocknet als dieselbe Art in einem dunklen Gang. Zwei identische Grünlilien können komplett unterschiedliche Routinen brauchen, wenn eine über dem Heizkörper steht und die andere neben einer kalten Zugluft.
Seien wir ehrlich: Das macht niemand wirklich jeden Tag. Du wirst nicht jeden Topf systematisch inspizieren. Das Leben kommt dazwischen. Also bau dir ein kleines, realistisches Ritual. Vielleicht am Sonntagnachmittag gehst du mit einer Tasse Tee herum, greifst bei fünf, sechs Pflanzen kurz in die Erde – und gießt nur die, die unten wirklich trocken sind.
„Im Winter brauchen Pflanzen Geduld, nicht Mitleid. Die meisten ‘Rettungsaktionen’ mit extra Wasser bringen sie erst um.“
Viele Leute fluten ihre Pflanzen beim ersten braunen Zipfel oder hängenden Blatt. Total menschlich. Das Blatt schaut unglücklich aus, und Wasser fühlt sich nach Fürsorge an. Der Trick ist zu lernen: Zurückhaltung kann auch Fürsorge sein. Weniger gießen ist keine Vernachlässigung, wenn die Wurzeln eh schon im kalten, nassen Substrat sitzen.
Mit einer Mini-Winter-Checkliste wird’s leichter:
- Stell Pflanzen ein Stück weg von Heizkörpern und Warmluft-Auslässen.
- Gib den Töpfen etwas Abstand, damit Luft zirkulieren kann.
- Wisch staubige Blätter ab, damit sie das wenige Licht besser nutzen.
- Dreh die Töpfe alle paar Wochen, damit das schwache Winterlicht gleichmäßiger wirkt.
- Nimm Wasser mit Zimmertemperatur, nie eiskalt direkt aus der Leitung.
Trockene Luft, weniger Wasser … und eine andere Art von Pflege
Das Seltsame an der Winterpflege ist, dass sie sich kontraintuitiv anfühlt. Alles in deiner Wohnung schreit „trocken“. Der Handtuchheizkörper, deine Hände, die rissigen Lippen. Und trotzdem leben deine Pflanzen im Topf eine andere Geschichte – eine, die du erst merkst, wenn du langsamer wirst und die Erde angreifst.
Wenn du das tust, entsteht eine neue Art Beziehung. Statt automatisch zu gießen, fängst du an, den Raum zu „lesen“. Du merkst, wie eine graue Woche das Substrat tagelang feucht hält – und wie eine seltene helle Phase einen Topf schneller austrocknet, als du gedacht hättest. Du beginnst dir selbst zu vertrauen, nicht nur dem Etikett, das vor Monaten in der Gärtnerei in der Erde gesteckt ist.
An einem ruhigen Winterabend kann dieses kleine Ritual – Finger in die Erde drücken – überraschend erdend sein. Eine kurze, praktische Pause. Eine Erinnerung daran, dass weniger, wenn’s richtig getimt ist, oft mehr wert ist als ständiges Herumdoktern.
| Kernaussage | Detail | Nutzen für dich |
|---|---|---|
| Winter bremst das Pflanzenwachstum | Wenig Licht und kühlere Erde reduzieren die Wasseraufnahme stark | Erklärt, warum Sommer-Gießgewohnheiten plötzlich nach hinten losgehen |
| Erde kann unten nass und oben trocken sein | Oben trocknet’s durch die Heizung, unten bleibt der Kompost durchgehend feucht | Hilft, versteckte Wurzelfäule und Übergießen zu vermeiden |
| Checks mit der Hand sind besser als fixe Pläne | Fingertest, Topfgewicht und Drainage sind wichtiger als Datumsregeln | Macht die Pflege einfacher, günstiger und langfristig intuitiver |
FAQ
- Wie oft soll ich Zimmerpflanzen im Winter gießen?
Es gibt keine fixe Regel, aber viele Zimmerpflanzen wechseln von wöchentlichem Gießen im Sommer auf alle 2–3 Wochen im Winter. Mach lieber den Fingertest in der Erde statt nach Kalender zu gehen.- Warum hängen meine Pflanzen, obwohl die Erde nass ist?
Hängende Blätter bei nasser Erde deuten oft auf Übergießen und gestresste Wurzeln hin, nicht auf Durst. Lass das Substrat zwischen den Gießgängen stärker abtrocknen und schau, ob der Topf gut abrinnt.- Ist trockene Heizungsluft schlecht für Pflanzen?
Ja, sehr trockene Luft kann Blattkanten austrocknen, vor allem bei tropischen Arten. Das heißt aber nicht, dass sie mehr Wasser an den Wurzeln brauchen; probier lieber Pflanzen zu gruppieren oder einen kleinen Luftbefeuchter.- Soll ich meine Pflanzen im Winter besprühen?
Sprühen bringt kurz mehr Luftfeuchtigkeit, aber das verpufft schnell. Leichtes Besprühen ist okay, aber vermeid nasse Blätter bei kalten Fenstern – das kann Pilzflecken fördern.- Brauchen alle Pflanzen im Winter weniger Wasser?
Die meisten schon, besonders Blatt- und Tropenpflanzen – aber nicht alle gleich stark. Kakteen und Sukkulenten brauchen sehr wenig, während Pflanzen unter Pflanzenlampen oder in warmen Wintergärten weiterhin regelmäßiger „trinken“ können.
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