Sie san jetzt in ihre Fünfzger, oder knapp davor. Sie erinnern si an Wählscheibentelefone und Kassetten, aber sie wissen a, wie ma’s WLAN neu startet und Flüge am Handy bucht. Sie ham Kinder großzogen ohne Google Maps, und dann glernt, wie ma sie über Standort-Freigabe-Apps „im Blick“ behalt. Sie warn die Ersten, die billige Alkopops trunken ham, die Ersten, die peinliche E-Mails gschickt ham, die Ersten, denen ma g’sagt hat, sie könnten „alles haben“ – und die dann still und leise die Schuld kriegt ham, wenn’s irgendwann z’vü worn is. Nach außen schaun’s aus wie das Rückgrat der Gesellschaft: Manager:innen, Pfleger:innen, Steuerzahler:innen, die Generation, die „CDs kopiert“ hat und heut vier Streaming-Abos zahlt, die eh kana nutzt.
Und trotzdem: Red mit vielen, die zwischen 1965 und 1980 geboren san, und du hörst oft die gleiche seltsame Beichte, in einem leichten Ton g’sagt: „I bin eigentlich einsam.“ Net immer a erdrückende Einsamkeit. Manchmal is es nur a leises Brummen, a Gfühl, als wär ma aus dem eigenen Leben a bissl ausgeschlossen. Freundschaften verlaufen si. Eltern sterben. Kinder werden groß und machen die Zimmertür zu. Und viele aus der Gen X, wie ma’s nennt, stellen si a leise, beunruhigende Frage: Wann bin i eigentlich so unsichtbar worden?
Die verlorenen Mittel-Kinder der Geschichte
Menschen, die zwischen 1965 und 1980 geboren san, sitzen an einem eigenartigen Platz. Zu jung für die Boomer, zu alt für die Millennials. Die meiste Zeit ihres Lebens san’s zwischen zwei lauteren Generationen g’standen und ham zug’schaut, wie die Schlagzeilen von „Boomer-Vermögen“ auf „Millennial-Burnout“ umgschaltet ham, während ihre eigenen Geschichten in die Randspalten g’quetscht worden san. Sie san aufgwachsen mit Festnetz und Mixtapes – und dann ins Erwachsenenleben reinkippt, grad wie’s Internet umgsteckt hat, wie Menschen miteinander in Kontakt san.
Dieser „dazwischen“-Status is wichtiger, als er klingt. Als Kinder san viele aus der Gen X oft in leere Häuser heimkemma, weil die Eltern in der Arbeit festgsteckt san und in einer Wirtschaft mithalten mussten, die si grad verändert hat. Sie ham si selber a Jausn gmacht, allein fern g’schaut, früh glernt, Erwachsene net „zu belästigen“. Daher kommt a der Ausdruck „Schlüsselkinder“: Kinder, die den Schlüssel wortwörtlich um den Hals g’hängt ham, weil nach der Schule kaner daham war.
Solche Kindheits-Gewohnheiten verschwinden net einfach. Viele aus der Gen X ham glernt, auf si selber zu schaun, weiterzutun, und das Gefühl ghabt, um Hilfe zu bitten wär irgendwie peinlich. Jetzt, in der Lebensmitte, kann diese Unabhängigkeit zum Gefängnis werden. Du meldest di net, weil du’s nie g’macht hast. Du sagst net „I komm nimmer mit“, weil du auf einer Dauerdiät aus „Du packst das schon“ und „Mach ka G’schicht“ aufgwachsen bist. Am Papier san’s belastbar. Innen drin san viele müde und still abgekoppelt.
Sie ham ihr Leben um andere herum baut – und dann san die Leit gangen
Viele Gen-Xler:innen ham ihr Erwachsenenleben um Rollen herum baut, net um si selber: Partner:in, Elternteil, Kolleg:in, Pfleger:in. Die Tage san z’sammg’flickt g’wesen aus Schulwegen, späten Zügen, Arztterminen der Eltern, kurzfristigen Arbeitskrisen und halbkalt’n Abendessen am Sofa, während im Hintergrund a Kinder-Cartoon g’schrillt hat. Viel vom Sozialleben war einfach in diese Pflichten eing’woben: Plaudern vorm Schultor, frieren am Sportplatzrand, „nach der Arbeit auf a Getränk“ – offiziell freiwillig, praktisch eh net.
Dann verändern si die Rollen. Kinder werden Teenager, die ihre Screens den Eltern vorziehen. Alte Eltern sterben oder kommen in Pflege. Der Job, der fix g’wirkt hat, wird auf einmal umstrukturiert – oder schiebt alle über fünfzig still auf die Seite. Das Gerüst vom Alltag, an dem die Gen X jahrzehntelang baut hat, fangt an auseinanderzufallen. Und was übrig bleibt, fühlt si erschreckend nackt an: a ruhige Küche, a Handy, das fast nur App-Benachrichtigungen aufblinken lässt – net Menschen.
Das leere Haus um 19 Uhr
Jede:r kennt den Moment: Du gehst am frühen Abend in die Wohnung, und es is komplett still. Ka Schuh-Knallen im Vorzimmer, ka Streiten um die Fernbedienung – nur das leise Brummen vom Kühlschrank und irgendwo a Uhr, die tickt. Für wen, der zwanzig Jahr lang dauernd „auf Abruf“ war für Familie und Arbeit, kann diese Stille gleichzeitig Erleichterung und Faustschlag sein. Freiheit, ja. Aber a Erinnerung dran, dass die Leit, die dich früher so dringend braucht ham … dich nimmer so brauchen. Zumindest net auf die gleiche Art.
Viele aus der Gen X ham Freundschaften außerhalb dieser Rollen nie wirklich aufgebaut. Die Freund:innen warn andere Eltern am Spielplatz, Kolleg:innen aus’m Büro, Nachbar:innen, mit denen ma gredet hat, während die Kinder im Grätzl Rad g’fahren san. Wenn sich diese Kontexte ändern, verblassen die Freundschaften oft. Getrennte Eltern verlieren den Anschluss an „Pärchen-Freund:innen“. Wer aus einem Büro weggeht, bleibt selten mit mehr als ein, zwei Kolleg:innen in Kontakt. Und irgendwann merkst: Viele Beziehungen warn situationsbedingt, net bewusst gewählt – und die Situation hat si geändert.
Die sozialen Skills, die nimma funktionieren
Die Gen X hat glernt, sozial zu sein in einer Welt, die’s so kaum mehr gibt. Ma hat angren, spontan vorbeig’schaut, Freund:innen im Wirtshaus troffen, ohne vorher Standort-Pins zu schicken. Freundschaften san entstanden beim Warten im Regen auf den Bus, beim gemeinsamen Verlaufen am Abend, aus der geteilten Langweil auf langen Zugfahrten. Ihr „Social Media“ war das Kaffeehaus ums Eck, die Büroküche, das Beisl am Freitag, wo net dauernd wer auf a kleines leuchtendes Kastl gschielt hat, ob grad irgendwo anders was Spannenderes passiert.
Dann is alles ins Netz g’wander. Jüngere Generationen ham si leichter angepasst, weil die digitale Welt in ihre Jugend reingenäht war. Ältere Boomer ham oft auf langjährige Beziehungen und Wurzeln in der Nachbarschaft baut. Die Gen X is in einem schmerzhaften Übergang hängenblieben: alt genug, um tiefe analoge Bindungen zu kennen; jung genug, dass von ihnen erwartet wird, jede neue Plattform mitzumachen – aber nie wirklich daheim in dem Ganzen. A Smartphone zu haben heißt net automatisch, dass ma sozial „fließend“ is in einer Welt, wo Freundschaften in Gruppenchats wohnen.
Scrollen statt reden
Frag an 52-Jährigen, wie’s seinen Freund:innen geht, und er zückt wahrscheinlich das Handy. Er sagt dann, er „sieht“ eh alle auf Facebook, oder er „hält si am Laufenden“ auf WhatsApp. Aber dann fragst: „Wann hast’n die das letzte Mal in echt gsehen?“ – und die Antwort hängt kurz in der Luft: „Äh. Najo. Is scho a Zeitl her.“
Seien ma ehrlich: Ka Mensch trifft alle Freund:innen regelmäßig auf Kaffee und lange Gespräche, trotz der Spruchbilder. Das Leben kommt dazwischen. Trotzdem fühlt sich die Kluft zwischen Schein und Wirklichkeit bei der Gen X besonders groß an.
Am Papier san’s hypervernetzt, in echt aber selten wirklich verbunden. Social Media zeigt Schulfreund:innen am Strand, Ex-Kolleg:innen auf Partys, Geschwister bei Familienfeiern, wo ma net dabei war. Du scrollst um Mitternacht im Bett und schaust Leuten zu, die du nur so halb kennst, wie’s z’samm lächeln – und es drückt auf a blaue Stelle, von der du net einmal wusstest, dass’s sie gibt. Diese Illusion von Nähe – sehen, aber net berühren; lesen, aber net hören – kann das Gefühl verstärken, dass ma draußen steht und nur reinschaut.
Geld, Arbeit und die stille Panik
Einsamkeit hat net nur damit z’tun, mit wem ma redet. Sondern a damit, was di um drei in der Früh wach hält. Die Gen X is ins Erwachsenenleben reinkemma in Rezessionen, Immobilienbooms und eine lange Phase, wo die Botschaft klar war: Wennst brav hackelst und durchbeißt, wird’s schon passen. Viele ham alles „richtig“ g’macht – Häuser gekauft bei hohen Zinsen, lange Pendelstrecken gschluckt, Firmen die Treue g’halten, die sie dann trotzdem in den späten Vierzigern still abgebaut ham.
Jetzt stecken’s in einer komischen Mitte. Immer no in der Arbeit, immer no mit großen Rechnungen, manchmal immer no als Unterstützung für erwachsene Kinder, manchmal als Stütze für alternde Eltern. Pension wirkt weiter weg als bei ihren Eltern. In Stellenanzeigen steht zwar nix, aber gemeint is oft: „dynamisch, digital native“. Der Druck is konstant, aber Anerkennung fehlt. Und so landest in einer privaten Panik, während alle glauben, du bist eh „gesetzt“ – weil du älter bist, kompetent wirkst und im Meeting die richtige Smart-Casual-Jacke anhast.
Dieser finanzielle und berufliche Stress isoliert. Du glaubst, du darfst Angst net zugeben. Du sollst der sein, auf den sich andere verlassen – verlässlich, mit an ordentlichen Pensionsplan und einer Fünfjahresstrategie. Nur vielleicht hast beides net. Einsamkeit heißt net immer, dass kaner da is; manchmal heißt’s, dass ma vor anderen dauernd Stärke spielen muss. Diese Rolle is der Gen X schmerzhaft vertraut.
Der Gesundheitsdruck und der Körper, der nimmer mitspielt
In den Fünfzigern passiert noch was: Der Körper schickt kleine Memos. Knie raunzen beim Stiegensteigen. Schlaf wird launisch. Es gibt komische Wehwehchen, die ma net gscheit benennen kann. Irgendwer in deinem Alter hat a Herz-Gschicht oder a Krebsdiagnose, und im Gruppchat wird’s auf einmal still. Das is der Teil vom Leben, auf den dich kaum wer vorbereitet, weil’s ka glamouröse TV-Story abgibt.
Für die Gen X landen diese Gesundheitsängste oben drauf auf alles andere. Sie san oft immer no die, die die alten Eltern zu Terminen fahren – während sie gleichzeitig merken, wie der eigene Blutdruck langsam raufkraxlt. Dann heißt’s: mehr bewegen, weniger trinken, meditieren, dehnen – und das alles neben Vollzeitjob und dem ständigen Check-in bei erwachsenen Kindern. Und die langen Wartezeiten im Gesundheitssystem helfen a net grad. Gesundheit wird zu einer weiteren stillen Last, die ma allein herumtragt – mit vielleicht ein, zwei Freund:innen, denen ma die ungeschönte Wahrheit grad noch erzählt.
Dazu kommt ein scharfer Blick auf die eigene Sterblichkeit, der unglaublich isolierend sein kann. Im Radio kommt a Lied von 1993, und statt Nostalgie machst im Kopf a Rechnung: „Das is 30 Jahr her.“ A Klassenfoto vom Treffen taucht auf, und alle schaun älter aus – manche erstaunlich sehr. Der Körper, der früher die ganze Nacht fürs Konzertticket angestanden is, braucht heut zwei Tage, um sich von einem späten Zubettgehen zu erholen. Diese Kluft zwischen dem, wie ma si innen fühlt, und dem, was der Spiegel zeigt, is a einsamer Platz.
Wenn die Eltern nimma san und die Kinder net anrufen
Die Gen X is die erste Generation, die die Lebensmitte in einer Zeit navigiert, wo Familien verstreuter und brüchiger san als je zuvor. Die Scheidungsraten warn hoch, wie sie Kinder warn – und sie san’s in vielen eigenen Leben immer no. Viele san in der zweiten oder dritten Beziehung. Geschwister leben in anderen Städten oder Ländern. Die alte Annahme, Familie wär eh „um die Ecke“, hat si still aufgelöst.
Wenn Eltern sterben, trifft der Verlust oft härter als erwartet. Net nur wegen der Trauer – sondern wegen dem plötzlichen Fehlen von der Person, die immer abghoben hat. Die, die Geburtstage ohne Kalender-Erinnerung g’wusst hat, die deinen Kindheits-Spitznamen kannte, die in genau dem Ton gfragt hat: „Isst eh gscheit?“ wie damals, wie du 14 warst. Gen-Xler:innen sitzen im Auto vor leeren Elternhäusern, riechen noch a bissl alten Möbelgeruch und Staub, und merken: Sie san jetzt die Erwachsenen im Raum. Es gibt kanen mehr, dem ma die Verantwortung zurückgeben kann.
Gleichzeitig san ihre Kinder – wenn’s welche gibt – erwachsen oder fast. Sie san beschäftigt damit, ihr eigenes Leben aufzubauen, wie’s eh sein soll. Anrufe werden kürzer. Nachrichten knapper. Besuche werden zwischen Nebenjobs, Prüfungen und neuen Beziehungen reing’quetscht. Eltern, die an ständigen Kontakt g’wöhnt warn, finden si plötzlich dabei, dass sie Nachrichten schicken, die ein halber Tag auf „gelesen“ stehen – und sie reden sich ein, sie dürfen’s net persönlich nehmen. Stolz auf erwachsene Kinder zu sein und sich gleichzeitig von ihnen verlassen zu fühlen, kann im selben Atemzug passieren.
Die Scham, „I bin einsam“ zu sagen
Ein Grund, warum sich diese Einsamkeitswelle für die Gen X so scharf anfühlt: Ma redet kaum laut drüber. In ihrer Jugend war psychische Gesundheit ka gängiges Thema. Ma hat net g’sagt: „I bin angstlich.“ Ma hat g’sagt: „I bin müd“ – und is weitergangen. Therapie war was für Amerikaner:innen im Fernsehen. Ma hat’s gepackt. Ma hat Witze gmacht. Ma hat trunken. Ma is am nächsten Tag aufgstanden und hat so getan, als wär eh alles okay.
Jetzt, umgeben von einer Kultur, die endlich offener über Wohlbefinden redet, san viele aus der Gen X eigenartig sprachlos. Sie ermutigen ihre Teenager, was zu sagen, sie liken Self-Care-Posts – aber wenn’s ums eigene Leben geht, greifen die alten Regeln. Net sudern. Net klammern. Net dramatisieren. Das Ergebnis is a Epidemie unter der Oberfläche: Menschen, die beschäftigt und stabil und unkompliziert wirken – aber nachts am Bettrand sitzen und denken: „I weiß net, wen i deswegen anrufen soll.“
Diese Stille is a eigener Käfig. Einsamkeit wächst in der Lücke zwischen dem, was ma fühlt, und dem, was ma si erlaubt zu sagen. Es is net nur die Abwesenheit von Menschen – es is die Abwesenheit von Ehrlichkeit mit den Menschen, die ma hat. Viele Gen-Xler:innen halten si an dünne, oberflächliche Verbindungen: der Kollege, mit dem ma Memes austauscht; die Nachbarin, mit der ma übers Wetter redet – weil ein tieferes Bedürfnis zuzugeben sich anfühlt, als würd ma a lebenslanges persönliches Gesetz brechen.
Neue Wege, dazuzugehören
Die Geschichte muss net so enden, dass a Generation still in den Hintergrund verschwindet. Eine oft übersehene Stärke der Gen X is ihr Improvisationstalent. Sie san aufgwachsen, bevor alles bequem war – sie wissen, wie ma si durchwurschtelt, wie ma was Neues probiert, wie ma Lösungen z’sammstückelt aus dem, was grad da is. Genau diese Fähigkeit kann ma Richtung Verbindung drehen, wenn sie si erlauben, das überhaupt zu wollen.
Manche probieren’s eh schon. Wanderrunden, Buchclubs, Sprachkurse. Freiwilligenarbeit bei der Tafel oder im Gemeinschaftsgarten. Alte Freund:innen wieder in echt treffen, statt nur Fotos zu liken. Die ersten Schritte san oft g’schraubt; a Kaffee auszumachen fühlt si manchmal komisch an – fast wie Dating. Aber diese kleinen, mutigen Bewegungen kratzen an der Idee, Einsamkeit wär a privates Versagen, statt a geteilte menschliche Erfahrung in einer hyperbeschäftigten, seltsam abgekoppelten Welt.
Und es gibt grad jetzt a Chance, dass die Gen X ehrlich miteinander redet. Zu sagen: „Ja, mir geht’s a so.“ Zuzugeben, dass die Unabhängigkeit, auf die sie als Teenager so stolz warn, schwer worn is. Dass sie nimma die unsichtbaren Mittel-Kinder der Geschichte sein wollen. Sie wollen gsehen werden, gehalten werden, eingeladen werden. Und vielleicht is die erste Person, die das für sie tun kann, wer, der das grad liest und plötzlich merkt: I bin net der oder die Einzige.
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