Die Nachricht kommt rein, während du grad was Fade, aber Notwendiges machst – E-Mails beantworten, halb a Serie mitschauen, Zwiebeln schneiden fürs späte Abendessen.
Es is nur a Kleinigkeit: a Kommentar, der wehgetan hat, a Blick, der ned passt hat, a Gefühl, wie wenn’s dir für a Sekunde die Brust z’sammzieht. Du bleibst kurz stehen, spürst, wie sich da Schwall aufbaut … und dann pingt’s Handy, da Wasserkocher kocht auf, wer fragt, wo seine Schlüssel san. Also sagst das, was ma alle still sagen: „Des schau i ma später an.“
Und morgen hat eh wieder seine eigene Liste. Da Chef is grantig, a Freund sagt ab, du siehst a Foto, das dich auf einmal komisch traurig macht. Wieder parkst es. Keine Zeit. Ned jetzt. Laute kleine emotionale Regenwölkchen, die in die „später“-Schachtel im Kopf abdriften. Was dir keiner sagt: Die Schachtel is ned unendlich. Und irgendwann fangt’s zum Rinnen an.
Der unsichtbare Rückstau, den du mit dir herumträgst
Aufgeschobene Gefühle verschwinden ned. Die stellen sich an. Still, höflich, wie Leut in einer Schlange vorm zugesperrten Geschäft. Jedes „Darüber denk i nach, wenn i weniger müde bin“ oder „I reagier eh über, ignorier’s“ is wieder wer, der sich hinten anstellt. Außen wirkst du funktional, vielleicht sogar gut drauf. Drunter sitzt in einem Warteraum a Haufen Unerledigtes und wippt nervös mit dem Fuß.
Du merkst’s an kleinen Reibereien. Plötzlich nervt dich völlig irrational, wie wer kaut. Du fährst a Kollegin an, weil’s a harmlose Frage stellt. Du liest a Nachricht von einem Freund dreimal, überzeugt, dass da irgendwo a versteckte Wertung drin is. Des san ka zufälligen Auszucker; des san alte Gefühle, die seitlich rausruckeln, weil vorn die Haustür zugesperrt is.
Wir glauben gern, ma kann Gefühle wegorganisieren, wie a chaotisches Postfach. Als ungelesen markieren, später erledigen. Nur: Der Körper führt a genauere To-do-Liste als dein Hirn. Deine Schultern erinnern sich an den Streit, den du nie verdaut hast. Dein Magen erinnert sich an die Abfuhr, die du mit am Schmäh weggewischt hast. Dein Kiefer erinnert sich an jedes „Passt eh“, das überhaupt ned gepasst hat.
Wenn „Mir geht’s eh gut“ zum Standardkostüm wird
Irgendwann hört „Mir geht’s eh gut“ auf, a Update zu sein, und wird zum Kostüm. Du ziehst es automatisch an: im Büro, beim Familienessen, in Zoom-Calls, wo das WLAN grad lang genug hängt, dass man deinen Gesichtsausdruck ned ganz checkt. Du wirst fließend im Thema wechseln, im Gespräch umleiten, Dinge weglachen, bevor’s zu schwer landen.
Es gibt a Müdigkeit, die daherkommt, ständig „eh okay“ zu spielen. Ned die Müdigkeit von zu wenig Schlaf, sondern die, wo du technisch ausgeruht bist und dich trotzdem fühlst, als würd deine Seele mit wenig Akku laufen. Freunde sagen: „Du bist immer so stark“, und statt Stolz spürst a kleines Stechen von Panik, weil du dich ned erinnerst, dass du dir die Rolle jemals ausgesucht hast. Du bist einfach reingerutscht, weil’s leichter war als zu sagen: „Ehrlich, i bin grad a bissl a Chaos.“
Wir kennen’s alle: Jemand fragt, „Bist du sicher, dass alles passt?“ und die Antwort steht dir schon im Hals, riesig und schwer, und du schluckst sie wieder runter, weil jetzt grad ned der Moment is. Dann machst halt an Schmäh. Oder sagst: „Ja, nur müde.“ Und wieder wird ein Stück vom Kostüm angenäht, a Spur enger als davor.
Die leise Einsamkeit hinterm „starken“ Menschen
Von außen schaut’s bewundernswert aus, wenn du zuverlässig und gefasst bist. Die Leut kommen zu dir mit ihren Dramen, ihren Herzschmerzen, ihren Mitternachtskrisen. Du hörst zu, du beruhigst, du sagst die g’scheiten Sachen. Da steckt a bissl a grimmiger Stolz drin, zu wissen, dass sich andere auf dich stützen. Das Einsame dran is: zu merken, dass du zwar für sie ein sicherer Ort bist, aber selber gar ned so genau weißt, wo deiner is.
Seien wir ehrlich: Ka Mensch plant sich jeden Abend fix Zeit ein, um sich mit seinen Gefühlen hinzusetzen und den Tag zu verarbeiten wie a Hausübung vom Therapeuten. Ma druckt weiter. Ma sagt: „I schaff des.“ Ma redet sich ein, im Vergleich zu dem, was andere grad haben, san die eigenen Themen klein – fast schon luxuriös. Und zack, bevor du’s merkst, is „die Starke/der Starke“ sein weniger Resilienz und mehr emotionale Vernachlässigung – gegen dich selber.
Wenn der Körper anfängt, für dich zu reden
Irgendwann wird der Rückstau nimmer nur metaphorisch, sondern körperlich. Du weinst vielleicht ned, aber die Haut spielt verrückt. Du rastest ned aus, aber der Nacken macht zu, und hinter einem Auge pocht’s. Du erlaubst dir ned, Angst zu spüren, aber dein Herz rast im Supermarkt, weil das Licht grell is, die Musik laut, und du einfach komplett überladen bist.
Du sagst der Hausärztin/dem Hausarzt: „Wahrscheinlich nur Stress.“ Blutwerte, vielleicht, a vager Tipp wie „mehr Bewegung, besser schlafen“. Du nickst, voll überzeugt, dass du’s genau so machst, und eine Woche lang gehst Powerwalken und trinkst Wasser aus einer wiederverwendbaren Flasche mit a bissl zu viel Selbstzufriedenheit. Dann schleicht sich das Leben wieder rein mit Rechnungen und kleinen Krisen – und die emotionale Schlange im Kopf wird länger, ned kürzer. Die Symptome bleiben.
Manchmal san’s ned einmal klare Symptome, nur ein dauerndes Summen von Unruhe. Du wachst auf mit dem Gefühl, du hättest was Wichtiges verpasst, als gäb’s a E-Mail vom Leben, die du vergessen hast zu beantworten. Du scrollst im Dunkeln am Handy, nimmst aber nix wirklich auf – nur betäuben. Du nennst es Angst, weil’s das nächstbeste Wort is, aber drunter steckt was Einfacheres und Unbequemer: Da san Gefühle, denen du nie erlaubt hast, ihren Satz fertig zu sagen.
Die kleinen Zusammenbrüche wegen nix, die eigentlich wegen allem sind
Aufgeschobene Emotionen kommen selten mit Etikett. Die sagen ned: „Hallo, i bin die Traurigkeit von vor drei Monaten, wie dich dein Freund hängen lassen hat.“ Die kommen verkleidet als Überreaktion. Dein Partner lässt a nasses Handtuch am Bett liegen und auf einmal bist du grantig bis zum Zittern, schrabbst Teller lauter ab, als nötig. Die Lautstärke vom Zorn passt ned zum „Verbrechen“. Das is der Hinweis.
Oder du heulst im Auto, weil der Verkehr langsam is. Ned leise Tränen, sondern richtiges, körperliches Schluchzen, das du dir selbst ned erklären kannst. Im Radio läuft a Lied, das du ned einmal magst, und es lockert irgendwas. Der Rückstau hat a Riss in der Staumauer gefunden. Er nimmt jeden Ausgang, der grad offen is – auch wenn’s nur a Baustellenstau an einem grauen Dienstag is.
Diese Momente san dir peinlich. Du nennst sie „deppert“, entschuldigst dich, machst Witze über „Hormone“ oder „i brauch an Kaffee“. Aber drunter macht dein System genau das, wofür’s gebaut is: Es versucht emotionale Kreisläufe fertigzumachen, die unterbrochen wurden. Unsere Gefühle san da leider hartnäckig. Die wollen ihren ganzen Bogen, ned die halb gespürte, schnell abgewürgte Version.
Die Falschen anfahren
Der schlimmste Kollateralschaden is meistens menschlich. Du fährst die Person an, die’s am wenigsten verdient, weil sie sicher is, oder grad da is, oder einfach der letzte Tropfen. Ein harmloses „Bist glei fertig?“ von der Partnerin/dem Partner kriegt auf einmal die scharfe Kante in deiner Stimme ab. Ein Kind, das Saft verschüttet, löst a Predigt aus, die klingt wie ein TED Talk über Verantwortung.
In dem Moment siehst dich vielleicht von außen, beobachtest dich selbst bei der völlig unverhältnismäßigen Reaktion, und kannst trotzdem ned aufhören. Danach kommt der Kater: Schuld, Scham, a hohles „Was war denn des bitte?“ Du entschuldigst dich, und du meinst es. Aber du verstehst auch kaum, wofür genau. Die Wahrheit is unangenehm: Du warst ned nur wegen dem sauer, was grad passiert is. Du warst sauer wegen allem, worüber du dir seit Monaten ned erlaubt hast, sauer zu sein.
Das langsame Verblassen von Freude und Farbe
Es gibt noch a andere, leisere Nebenwirkung vom ständigen Aufschieben: Das Leben wird flach. Ned dramatisch. Eher so ein langsames, schleichendes Grau an den Rändern. Dinge, die dich früher gehoben haben – a Lied, a Spaziergang, a deppertes Meme von einem Freund – san immer noch „nett“, aber sie landen nimmer ganz. Du lachst, aber es hallt innen nimmer so nach wie früher.
Wenn du die schweren Gefühle runterdrückst, dreht das System ned nur die schlechten leiser. Es dreht aus Versehen fast alles runter. Du bist weniger gerührt von Filmen, weniger überrascht von Schönheit, weniger getroffen von einem großartigen Sonnenuntergang, den du durch ein Busfenster erwischst. Du sagst dir: Du bist erwachsen worden, härter, „realistischer“. Aber da steckt auch a leise Trauer drin – das Gefühl, dass irgendein inneres Leuchten eingelagert worden is.
Am meisten merkst es vielleicht in der Stille. Abwaschen, Fenster einen Spalt offen, draußen das tiefe Brummen vom Verkehr, irgendwo bellt a Hund. Früher hätte sich das vielleicht gemütlich, friedlich angefühlt. Jetzt is es nur … leer. Du merkst: Du lebst a bissl hinter Glas, schaust dir selbst zu, wie du die Bewegungen von jemandem machst, der am Papier eh „passt“.
Warum ma trotzdem weiter aufschieben
Es is leicht, sich dafür fertigzumachen, das emotionale Aufschieben als Vermeidung oder Faulheit zu beschimpfen. Unter dem harten Selbstgerede sitzt meistens Angst. Viele von uns san in Familien aufgwachsen, wo Gefühle lästig waren, dramatisch oder einfach zu groß für den Raum. Vielleicht hat ein Elternteil Tränen ned ausgehalten, oder Wut war gefährlich, oder Freude wurde mit „Übertreib’s ned“ abgewürgt. Also haben wir gelernt, alles schnell wegzupacken.
Dazu kommt die praktische Realität: Rechnungen müssen zahlt werden, Kinder brauchen Essen, Deadlines is es wurscht, dass dir’s Herz schwer is. Sich hinsetzen und wirklich fühlen klingt dekadent, fast luxuriös – wie a Wellnesstag, den man „bucht, wenn’s ruhiger wird“. Wir reden uns ein: Wenn ma die Tür zu einem Gefühl aufmacht, stürmen alle anderen nach, und wir fallen auseinander. Also lieber beschäftigt bleiben, weiter scrollen, noch einen Termin ausmachen.
Die Ironie: Das Auseinanderfallen, vor dem ma so Angst haben, kommt oft genau daher, dass ma sich jahrelang ned erlaubt haben, in kleineren, machbaren Stücken auseinanderzufallen. Ein g’scheites Weinen im März hätt vielleicht den Zusammenbruch im August verhindert. Ein hartes Gespräch letztes Jahr hätt vielleicht die Taubheit verhindert, auf der du heuer dahinrutschst. Wir schieben Gefühle ned auf, weil wir schwach san; wir schieben sie auf, weil wir irgendwo gelernt haben, dass Ausdrücken unsicher is.
Die kleinen Akte vom Verarbeiten, die ned wie Therapie ausschauen
Es gibt ka filmreifen Moment, wo du plötzlich „alles erledigst“. Echtes emotionales Verarbeiten schaut fad aus, unordentlich, menschlich. Es is die leise Entscheidung, ned das Thema zu wechseln, wenn ein Freund fragt, wie’s dir wirklich geht – und dann wirklich zu antworten. Es is, nach der Arbeit im geparkten Auto fünf Minuten länger sitzenzubleiben, zu merken, dass die Brust eng is, und’s zu benennen: Wut, Enttäuschung, Verletztheit.
Manchmal is Verarbeiten a hing’rissene Notiz im Handy voller Tippfehler: „I hab mi in dem Meeting so klein g’fühlt und i tu so, als wär’s mir wurscht, aber es war’s ned.“ Ka schönes Journaling, nur der Beweis, dass das Gefühl gesehen worden is. Andermal is es, zur Partnerin/zum Partner zu sagen: „I bin vorher auszuckt und das war ned wegen dir; i trag grad Sachen herum, über die i ned red.“ Kleine Wahrheiten, unbeholfen, aber echt.
Du brauchst dafür ka Räucherstäbchen und ka Meditations-App. Vielleicht stehst beim Waschbecken, die Hände im warmen Seifenwasser, und a alter Schmerz stupst wieder gegen die Rippen. Statt ihn wegzuschieben, murmelst: „Ja, des hat weh tan“, ganz leise. Klingt fast deppert. Aber das is genau der Moment, wo du die Tür einen Spalt aufmachst und eine Person aus der Schlange rauslässt.
Die Welle durchlassen statt zurückhalten
Gefühle san wie Wellen, surfen hat uns keiner ordentlich beigebracht. Wir glauben, wenn ma sie steigen lassen, ziehen’s uns raus aufs Meer. Oft brauchen’s nur neunzig Sekunden Erlaubnis. Eineinhalb Minuten ohne Ablenkung, ohne Rationalisieren, ohne dich selbst als dramatisch zu labeln. Nur atmen und dein Gesicht machen lassen, was es halt macht.
Das kann heißen: laut weinen in der Dusche, wo das Rauschen vom Wasser das Stocken vom Atem versteckt. Oder: dich in der leeren Küche richtig grantig fühlen, Hände fest auf die Arbeitsplatte gedrückt, bis die Arme zittern. Wenn die Welle durch is, bleibt oft a komische Leichtigkeit. A bissl mentaler Strand. Ned weil das Problem gelöst is, sondern weil du aufgehört hast, das Meer mit bloßen Händen zurückzuhalten.
Wenn der Rückstau endlich a Stimme kriegt
Oft gibt’s dann einen Tag – und von außen is er selten dramatisch – wo der Rückstau klar spricht. Du sitzt am Bettrand, halb angezogen, scrollst vorm Arbeiten am Handy, und auf einmal kommt der Gedanke, einfach und schwer: „I pack des nimmer so weiter.“ Ka Explosion, ka Publikum. Nur a private Ehrlichkeit, dass die Art, wie du grad lebst, ned tragfähig is.
Ab dort wird’s ned magisch leicht. Vielleicht weinst du eine Zeit lang öfter, fühlst dich roh, sagst unbeholfene Wahrheiten, die dich selbst überraschen. Vielleicht merkst: Du bist grantiger, als du gedacht hast. Oder trauriger. Oder erschöpfter. Es is verlockend, in Panik den Deckel wieder zuzuschlagen. Aber genau da verschiebt sich was Echtes: Die Schlange bewegt sich endlich.
Vielleicht buchst du Therapie. Vielleicht gehst einfach auf lange Spaziergänge mit Musik, die wirklich zu deiner Stimmung passt, statt sie zu vermeiden. Vielleicht führst ein brutal ehrliches Gespräch, das eine Beziehung neu ausrichtet. Des san ka großen Gesten, für die die Welt applaudiert. Eher wie: in einem stickigen Zimmer leise die Fenster aufmachen und die Luft Atemzug für Atemzug wechseln lassen.
Der Rückstau löst sich ned über Nacht. Aber jedes Mal, wenn du stehenbleibst und zuhörst statt aufzuschieben, jedes Mal, wenn du einem Gefühl erlaubst, seinen Satz anzufangen und fertig zu sagen, entscheidest du dich, dich selber nimmer zu verlassen. Und langsam, fast unmerklich am Anfang, fühlt sich das Leben weniger nach „aushalten“ an und mehr nach „wirklich drin sein“. Irgendwann ertappst dich dabei, wie du über was Kleines lachst – an lächerlichen Hund im Pullover, wie dein Freund ein Wort falsch ausspricht – und du merkst, dass der Klang echt is, bis tief in die Brust. Dann weißt: Die Schlange is kürzer, und du lässt dich selber endlich auch durch die Tür.
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